[Incipit] Sudabeh Mohafez, Gespräch in Meeresnähe

Nackt war ich schon beim erstenmal. Vor vier Jahren, als wir uns noch nicht kannten, als Nils ins Hinterzimmer der Apotheke stürmte und nicht ahnen konnte, daß ich. Nicht ahnen konnte, weil er neu war, weil er nicht wußte, wie die Dinge, wer ich. Weil er nicht ahnen konnte, daß Mareike mich dort hineingelassen hatte, wie es ihre Gewohnehiet war, wie sie es fast immer tut, aus Freundschaft, Erbarmen, weil ich den Schmerz nicht mehr aushielt.
Als Nils und ich uns kennenlernten, war das erste, was er von mir sah, mein rechter Knöchel, nackt und von blutigen Schrammen übersät. Das zweite war der Rest von mir. Mein unförmiger, verletzter, nahezu bewußtloser, gänzlich unbedeckter Körper. Denn ich reiße mir die Kleider vom Leib. Wenn es ganz schlimm ist, reiße ich mir die Kleider noch in der Apotheke vom Leib und reibe mich ein. Dann läßt der Schmerz nach. Dann weine ich. Wenn er mich für ein Paar Stunden in einen bedeutungslosen Alltag entläßt, falle ich mich hinein. So fühlt es sich an. Ich bin ein Kartenhaus, ein Gebilde aus Hölzchen. Ich bin ein altes Gerippe, das der Wind einmal zu oft vor sich hergetrieben hat, das nachgibt, das mit einem leisen, kaum hörbaren Knachen auseinanderbricht, zerbröselt. Die Abwesenheit, die plötzliche Abwesenheit von Schmerz macht mich kraftlos. Sie raubt mir die Orientierung.

Sudabeh Mohafez, Gespräch in Meeresnähe, Arche, Zürich-Hamburg 2005. 285 pagine. 

* Il sito di Sudabeh Mohafez (in inglese e tedesco).
* Sudabeh Mohafez.

Annunci

Rispondi

Inserisci i tuoi dati qui sotto o clicca su un'icona per effettuare l'accesso:

Logo WordPress.com

Stai commentando usando il tuo account WordPress.com. Chiudi sessione / Modifica )

Foto Twitter

Stai commentando usando il tuo account Twitter. Chiudi sessione / Modifica )

Foto di Facebook

Stai commentando usando il tuo account Facebook. Chiudi sessione / Modifica )

Google+ photo

Stai commentando usando il tuo account Google+. Chiudi sessione / Modifica )

Connessione a %s...